Seit knapp hundert Jahren engagieren sich Christ:innen im Rahmen von Community Organizing für ein besseres Zusammenleben in ihrer unmittelbaren Umgebung. Christine Funk, Leiterin des Deutschen Instituts für Community Organizing, berichtet von einer Studienreise nach Texas aus Anlass des 50-jährigen Bestehens der Trägerorganisation Southwest IAF des Community Organizing in Texas.
COPS steht für Communities Organized for Public Services.[1] Eine Graswurzelbewegung, zunächst von Mitgliedern katholischer Kirchengemeinden, gegründet 1974 von Ernesto Cortés (*1943), einem in Chicago ausgebildeten Organizer[2]. Damals ertranken am westlichen Stadtrand von San Antonio die zugewanderten Menschen in ihren notdürftigen Unterkünften, wenn Abwasserkanäle nach Regen überfluteten, so die traumatische Ursprungserzählung. Das durfte nicht so bleiben und rief den Gemeinsinn und die Verantwortlichkeit von Menschen in katholischen Gemeinden auf, die in solchen katastrophalen Lebensbedingungen die Würde der Menschen fundamental verletzt empfanden.
Invest in people not in buildings
COPS – Communities Organized for Public Services
Mit den Methoden des Community Organizing wurde eine starke Macht aus Betroffenen und zahlreichen Verbündeten aufgebaut, die im Laufe der Jahre ordentliche public houses (einfache Reihenhäuser) eine stabile Abwasserentsorgung und Frischwasserversorgung und überhaupt eine kommunale Infrastruktur mit befestigten Straßen, Grünanlagen, Elektrizität und der Ansiedelung von Gesundheitseinrichtungen u.s.w. bewirkten. Das erfolgreiche und Lebensbedingungen verbessernde Wirken in San Antonio ermutigte Menschen aus Gemeinden in vielen Staaten des Südens der USA, wo der Mangel an Infrastruktur, des Zugangs zu Bildung und Ausbildung für immigrierte Menschen schon lange die wachsenden Städte und auch das Land prägt. Die von Menschen aus verschiedenen Gemeinden im Organizing gebildeten Allianzen zwischen Institutionen, Schulen, Gewerkschaften, Unternehmen und Arbeitgebern machten im Laufe der Jahre Billionen Dollars locker, um sowohl Wohninfrastruktur als auch Schul-, Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten zu schaffen. Trainings on jobs, die Investition in Menschen, die mit beruflichen Qualifikationen nicht nur als Steuerzahler*innen Ansehen gewinnen, sondern auch mehr Partizipationsmöglichkeiten haben als Ungelernte und Arbeitslose, sind zentrale Faktoren der Würde des Menschen. „Invest in people not in buildings,“ sagen im Organizing Erfahrene, da Menschen mit Selbstvertrauen für gesellschaftlichen Zusammenhalt und gegen Ausgrenzung anderen Mut machen können. So verwirklichen die Allianzen des Community Organizing in vielen Städten die katholische Sozialverkündigung, die Papst Franziskus mit den sog. 3 T: tierra, techo, trabajo[3](Aufenthalt, Wohnen, Arbeit) immer wieder ins Gedächtnis ruft.
Engagiert mit Menschen
Mit 12 Menschen, die dem Community Organizing in Berlin, Göttingen, Duisburg, Düsseldorf und Köln verbunden sind, war ich im Dezember 2024 zu einer Studienreise in Texas. Anlass war die zweitägige Konferenz zur Feier des 50jährigen Bestehens der COPS/Metro in San Antonio, der Trägerorganisation vieler Aktivitäten des Community Organizing in San Antonio. Die Vertreter*innen der 30 verschiedenen Organizing-Vereinigungen wie Together Louisiana (seit 2013), Nevadans for he Common Good (seit 2012) oder Central Texas Interfaith (seit 1986) machten durch ihre persönlichen Geschichten, mit denen sie sich und ihre Gruppe vorstellten, eindrucksvoll deutlich, welche integrative Kraft und persönliches Wachstum das gemeinsame Engagement für das Gemeinwohl bewirkt. Sr. Pearl Caesar erwähnte, dass sie im Engagement mit COPS in San Antonio verwirkliche, was sie vom 2. Vatikanischen Konzil vernommen habe: nicht eine kirchliche Lehre gelte es in die Welt zu bringen, sondern die Beziehungen, mit denen wir als Katholik*innen in der Welt sein sollen: engagiert mit den Menschen, engagiert in neuen Verbindungen!
Was heißt es, zu einer Tradition zu gehören? – Kraft aus Widerspruch
Neben den persönlichen Begegnungen und dem, was wir vom hohen Einsatz aller Engagierten in den lange schon mehrheitlich republikanischen Staaten des Südwestens der USA hörten und erlebten, beeindruckte der Hauptvortrag von Dr. Nicholas Hayes Mota von der Santa Clara University in Kalifornien: Organizing as tradition. Er stellt sich der Frage wie man die Geschichte einer wirksamen Praxis erzählen kann – mit dem Ziel, Menschen dafür zu motivieren, das nächste Wir zu bilden? Ausgangspunkt von Hayes Mota ist die Frage, was es bedeute, zu einer Tradition zu gehören? Er betont zunächst die große Kraft des Widerspruchs, in dem sich viele Katholik*innen befänden. Und er zeigte anhand persönlicher Beispiele die Dynamik auf, die in der Überwindung der eigenen kirchlichen Entfremdung liegen kann: „I turned my anger in work. I turned from shame into power.“ Zugleich verweist er in seiner Arbeit darauf, dass der Einsatz für die gemeinsamen Güter und die Würde der Person bedeuten, katholisch zu sein. Ebenso betont Hayes Mota , wie die Tradition des Zuhörens, des Miteinanders und der Ermutigung durch Selbstwirksamkeitserfahrungen in einer Organisation wie COPS sich spürbar verkörpere. Prägende Ordensfrauen aus den letzten Jahrzehnten wurden hier als sprechende Beispiele erinnert. In deren Praxis zeige sich die Zugehörigkeit zur Tradition des Respekts der Menschenwürde als Jesus-Nachfolge. Jedoch nicht als Imitation, sondern Übersetzung und Verwandlung ins eigene Leben gemäß der jeweiligen Umstände und zur Erleichterung von Lebensbedingungen. „You can make a difference!“ Dabei werde deutlich, wie sehr die Aktivitäten der verschiedensten Freiwilligen die Gemeinden beleben: Seit er mit seiner Gemeinde beim Organizing mitmache, erzählte Tim Luschen, ein Pfarrer aus Oklahoma, wachse die Gemeinde und die Arbeit sei mit mehr Freude verbunden, indem sich „people who are not connected“ in neue Beziehungen begäben.
You can make a difference
Besonders beeindruckend waren jedoch die Besuche von Praxisorten, die wir in der texanischen Hauptstadt Austin und in der Stadt der Öl- und Rüstungsindustrie Dallas besuchten. Dabei tauchten bestimmte Motive immer wieder auf:
„You can make a difference“ erzählten Menschen von ihrer lang eingeübten Ohnmacht, die sie durch ihr Mitwirken in Prozessen des Organizing als Selbstwirksamkeit und Teilmächtigkeit (nach R. Cohn) in Mut gewandelt erfahren haben. Sei es im Kampf für Gesundheitsvorsorge, für Ökologie oder für gerechte Löhne. „We live in a world which teaches us not to live in dignity. But we have a live after birth“, gab Elizabeth Valdez mit, die Leiterin des Southwest IAF, und verwies auf Jesus, der Leben in Fülle verheißen habe: wo zwei oder drei in seinem Namen zusammenwirken, verstärke sich ihr Zutrauen zur eigenen Würde. Daher sei es wichtig, die Namen der Menschen zu sagen, die Zusammenwirken und Wandel initiieren (vgl. Ex 1).
Glaube gegen Rassismus
Überraschend war für uns Besucher*innen aus Deutschland zu sehen, wie dicht und offenbar selbstverständlich im Organizing das Zusammenwirken von Menschen aus ganz unterschiedlichen kirchlichen Traditionen ist: bei Central Texas Interfaith in Austin besuchten wir sowohl die große Ebenezer Baptist Church, die traditionsreiche katholische Kirche Nuestra Senora de Gouadeloupe mexikanischer Immigranten von 1906, als auch ein traditionsreiches presbyterianisches Seminar, die sich zur Verwirklichung von social justice mit Menschen aus der kleinen freestylemäßigen Wildflower-Church gegen grassierenden Rassismus engagieren.
Public houses in San Antonio
Die Begegnung mit Cyrus, einem Mann von 29 Jahren, den wir zweimal trafen, schockierte uns: er war auf bloßen Verdacht verhaftet worden und fünf Jahre quasi in Untersuchungshaft und ohne den Beistand eines Anwalts im Gefängnis. Im sechsten Jahr sah er zwar einen Anwalt, der aber ohne Unschuldsvermutung davon ausging, dass er den unterstellten Mord begangen habe. Noch zwei weitere Jahre blieb er gefangen, bis eine Gruppe aus Central Texas Interfaith mit Anwälten und Kirchenleuten seine Freilassung erwirken konnte!
Faith in action for social justice
Wir lernten hier konkret, was inter-faith in Texas bedeutet: zwischen den Glaubenden aus den verschiedenen Kirchen und Religionen besteht Übereinstimmung, sich gemeinsam für die Rechte von Migrant*innen und ihre Chancengerechtigkeit einzusetzen: Faith in action for social justice! Als beeindruckend und ermutigend resümierten wir die nüchterne Klarheit in Erwartung, was nun nach dem Amtsantritt Donald Trump als Präsident auf unsere Gesprächspartner*innen zukommen würde. Ohne Illusionen und auch ohne Wehleidigkeit galt überall: „hands on, weitermachen und stärker werden, über Rechte weiter aufklären, nicht nachlassen, die soziale Gerechtigkeit, ist unsere Tradition: faith in action!“
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[1]Community Organizing ist eine Form der Gemeinwesenarbeit, die auf Saul Alinsky (1909-1972) und sein Wirken im Chicago der 1930er Jahre zurückgeht. Im Deutschen stehen Bürgerplattformen in Übertragung des Begriffs „Community Organizations“ dafür, Menschen unterschiedlicher Herkünfte anhand ihrer Interessen zusammenzuführen und eine gemeinsame Handlungsfähigkeit aufzubauen. Derzeit gibt es in Deutschland in drei Städten Bürgerplattformen: Die Berliner Bürgerplattformen im gesamten Stadtgebiet; Stark! Im Kölner Norden – Die Bürgerplattform in den Kölner Bezirken Ehrenfeld, Chorweiler, Nippes und DU! aktiv – Bürgerplattform in Duisburg.
[2] Als Organizer wird die Person bezeichnet, die Beziehungsgespräche in Nachbarschaften führt und Menschen neu miteinander in Kontakt bringt und den Aufbau des gemeinsamen Handelns begleitet und reflektiert. Vgl. T. Meier, L. Penta, A. Richter (Hrsg.), Community Organizing. Eine Einführung, Weinheim 2022.
Bilder: Christine Funk; Betragsbild: Mehrzweckraum in der Casa Guanajuato in Süd-Dallas
Christine Funk, Dr., Professorin für Systematische Theologie an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin (KHSB). Gemeinsam mit Prof. Dr. Sarah Häseler leitet sie das Deutsche Institut für Community Organizing (DICO) an der KHSB.